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Brave new world prosodisch
Brave new world prosodisch
literarisch-musikalische Performance von Michael Basse

mit Musik von
Volker Heyn, Komposition & Tonbandklänge

Friedrich Gauwerky, Cello
Frieder von Ammon, E-Gitarre
Hörbuch

"Vor allem die perfekte Entsprechung von Text und Musik beeindruckt an diesem Hörbuch, das man durchaus als Gegenentwurf bezeichnen kann zum Kitsch und Pathos der derzeit so populären Rilke- und Hesse-Projekte."
Bernhard Jugel, BR, Fünfzehn-Fünf, Hörbuchmagazin

„Es ist eine prosaische, erzählende Lyrik, die Basse pflegt, mit nonchalant-kühler Stimme und perfektem Sprechrhythmus vorgetragen und von dem Komponisten Volker Heyn in ein metallisch-futuristisches Klanggerüst gekleidet (...).“
Notes, Juni 2007




Über Brave new world prosodisch


„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“, schrieb Theodor W. Adorno vor über fünfzig Jahren in seinen Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Dieser Auftrag gilt noch immer, gerade auch für die Kunst. Abgesehen von wenigen Rissen im Gebälk funktioniert das „System“ scheinbar alternativlos und läuft wie geschmiert. Ist unter solchen Bedingungen radikale, engagierte Kunst noch möglich? Kunst, die ihren Inhalt nicht an konventionelle Formensprachen verrät und deren künstlerische Ausdrucksmittel nicht Selbstzweck, nicht 'Kunst-an-sich' und damit jeder kritischen Zeitgenossenschaft enthoben sind? Brauchen wir engagierte Kunst heute überhaupt - oder gerade jetzt wieder?

Brave new world prosodisch
versteht sich als Versuch. Während der letzten zwei Jahre als work-in-progress-Projekt entstanden, will es ebenso Chronik der jüngsten reaktionären Tendenzen in Politik und Gesellschaft sein wie Zwischen- und Widerruf gegen einen sich selbst genügenden, sich von aller Zeitgenossenschaft entpflichtenden künstlerischen Eskapismus. Es beharrt darauf, dass „autonome Kunst“ reine Fiktion ist und dass sich Musik oder Literatur in ihrem sprachlich-kompositorischen Ausdruckswillen in ein konkretes Ver-hältnis zur übrigen Welt zu stellen haben, sich also auf die konkreten dynamischen Parallelwelten der einen vernetzten globalisierten Welt beziehen lassen müssen, aus der es für den Einzelnen kein Entkommen gibt.

Der Titel Brave new world verweist sowohl auf Shakespeares Sturm als auch auf Aldous Huxleys berühmten Roman, der Zusatz prosodisch auf die antike Tradition epischer Gesänge, die noch Helden kannte. Der Bedarf an Helden ist auch heute riesengroß, allein die Gesänge wollen sich nicht mehr einstellen. Was mutig, was vielleicht heldenhaft ist, wird nicht mehr im Gesang entschieden. Die Beteiligten dieses Projekts kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen – Neue Musik, konzertanter Musikbetrieb, Rockmusik, Wissenschaft und Dichtung. Was sie zu diesem Projekt zusammengeführt hat, ist die Überzeugung, dass zeitgenössische Kunst, die den Namen verdient, entweder „radikal“ ist – oder gar nicht existiert in unserer so überaus farbigen schönen neuen Welt.


Michael Basse

geboren 1957 in Bad-Salzuflen/NRW, studierte Philosophie, Psychologie und Germanistik in Regensburg und München, wo er seit 1984 lebt. Er übersetzte Gedichte von John F. Deane (englisch), Anise Koltz und Jean Portante (französisch) sowie Blaga Dimitrova, Ljubomir Nikolov und Boiko Lambovski (bulgarisch) ins Deutsche. Zahlreiche Radio-Essays, Hörbilder und Autoren-Portraits (zuletzt: Die Kämpfe der Mary de Rachewiltz, Aus dem Leben der Dichterin, Übersetzerin und Tochter Ezra Pounds, BR 2005, 57 Min). Er veröffentlichte drei Gedichtbände: Partisanengefühle, Lyrische Protokolle, P.Kirchheim Verlag, München 2004, Die Landnahme findet nicht statt, Gedichte und Prosagedichte, Corvinus Presse, Berlin 1997 sowie Und morgens gibt es noch Nachricht, Gedichte, Edition Toni Pongratz, Passau 1992 (1994,2).

Die Kulturjournalistin Sylvia Stammen charakterisierte die Arbeiten Basses in einem Portrait für die Süddeutschen Zeitung mit den Worten: "Seine Gedichte haben den Rhythmus eines Zuges auf selten benutztem Gleis. Ein Galopp der Gedanken über die Abraumhalden des im Alltagsgerede zerkleinerten Sprachschotters unserer Tage, durchsetzt mit dem zornigen Kommentar eines ungeduldigen Zeitgenossen, der nicht wegschauen kann (...) Keine kontemplative Kuschellyrik zum Träumen und Einschlafen, kein dumpfes Gleiten auf der ICE-Trasse, sondern hellwaches Dahinrasen auf der Abschussrampe. "Gedichte wie Landminen", schwer vermittelbar an einen Markt, der nur die verdauliche Unterhaltung kennt, Gedichte, deren Zeit aber vielleicht doch gerade jetzt gekommen ist, nachdem die coole und oft selbstgenügsame Empfindsamkeit der Popliteratur mal wieder im Abebben begriffen ist. Man muss sie hören, um vom Drive dieser Sprache mitgerissen zu werden (...) 'Partisanengefühle', so der Titel, ist eine komplexe, ebenso persönliche wie politische Abrechnung mit der Gegenwart (...): 'wo gefahr ist wächst die sprache', schreibt Basse - und macht es vor."

Der Kritiker Manfred Stuber notierte in der Mittelbayerischen Zeitung: "Basse pflegt ein präzise fließendes Parlando, in dem das Vokabular der Medien assoziativ, fast beiläufig bis zur Kenntlichkeit collagiert wird. (...) Ein Sound irgendwo zwischen Arno Schmidt und Bob Dylans 'Outlined Epitaphs'. Man denkt vielleicht auch an Pasolinis 'Freibeuterschriften'. Der Partisan, sagt Michael Basse, sei heute wohl ein anachronistischer Begriff, aber die entsprechenden Gefühle existierten weiter. Das Gefühl, in einem besetzten Land zu leben. Das Gefühl eines allgemeinen Kriegszustands. Das Gefühl, dass man in den Untergrund gehen müsste. Das liest sich wie Trailer zu Filmen, die wir nicht sehen können. Und immer ist der Trailer spannender als der endgültige Film, weil er Räume aufreißt, mehr Fragen als Antworten antippt. (...)Der Kopf, sagt Basse, besteht aus vielen Instanzen, die miteinander konkurrieren. So gibt es auch kein lyrisches Ich, nur eine Wahrnehmungsinstanz, die durch das Arrangement der Text-Partikel Ironie, Witz und Kritik erzeugt. Das Textmaterial wird auf eine Suchbewegung geschickt, von der auch der Autor nicht weiß, wo sie endet."
Basse selbst sagt über seine ästhetischen Prämissen: „Zum ABC gehört für mich die Pound'sche Einsicht, daß jedes Gedicht nicht nur 'logopoeia' und 'phanopoeia', sondern eben auch 'melopoeia', also Klangereignis ist. Und daß jeder Lyriker seinen eigenen Atem- und Sprechrhythmus hat. Das macht die Kombination mit Musik, die ihre eigenen Klang- und Geräuschfarben, ihre eigene Rhythmik und Dynamik ausdrückt, schwierig. Erste Versuche in dieser Richtung unternahm ich mit der Gruppe 'Opus One' für die 'Partisanen'-CD. Dort waren Text und Komposition (Computermusik, überwiegend perkussiv) noch getrennt, wenngleich sie sich dialogisch aufeinander bezogen. Der Reiz der Zusammenarbeit mit Volker Heyn, Friedrich Gauwerky und Frieder von Ammon lag darin, Text und Komposition – soweit möglich – miteinander zu verschmelzen, d.h. die Stimmführung der Rezitaton durch mehrere andere Stimmen und Geräusche zu erweitern.“

www.michaelbasse.de



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